«Man kann sich dem Klang nicht entziehen» – Interview mit dem Siegerteam
Das Team hinter «unfolded minute»: Franziska Schürch & Isabel Koellreuter (Federführung/Geschichte), Jannik Giger (Komposition/Bildende Kunst), Rahel Zaugg (Bildende Kunst) und Andrea Steegmueller (ASA + SAGA GmbH, Architektur) im Interview mit Laura Alt. Auch zum Team gehört Salomé Gutscher von ASA + SAGA.
Herzlichen Glückwunsch zum Sieg beim Wettbewerb für den Erinnerungsort in Bern! Wie haben Sie vom Jury-Entscheid erfahren und was war Ihre erste Reaktion?
FS: Eine Bekannte hat mir am Morgen eine SMS geschrieben: «Liebe Franziska, herzlichen Glückwunsch, so cool!» Dann habe ich nachgeschaut und meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern geschrieben: «Wir haben gewonnen!».
RZ: Ich habe es zuerst nicht geglaubt.
AS: Wir haben uns sehr gefreut.
Sie sind ein Team aus Geschichte, Kunst und Architektur. Wie hat diese interdisziplinäre Zusammenarbeit konkret funktioniert?
FS: Sehr demokratisch. Wir haben Ideen in viele Sitzungen eingebracht, sind dann mit «Hausaufgaben» in unsere eigenen Ateliers gegangen, haben unsere jeweiligen Expertisen darauf angewendet und sie dann wieder zusammengebracht.
RZ: Wir haben auch viele Ideen zusammen entwickelt, wobei sich die verschiedenen Gewerke miteinander verknüpft haben. Ich persönlich fand das Allerschwierigste: Wir hatten einen Berg von Ideen und mussten ihn auf ein kleines Hügelchen reduzieren – ein total spannender Prozess.
AS: Wir haben zu Beginn gemeinsam den Ort angeschaut, wo das Memorial entstehen wird. Die ersten Ideenskizzen sind vor Ort auf der Casinoterrasse entstanden.
Die Jury beschreibt «unfolded minute» als «offensiv» und «gegenwartsbezogen». Sehen Sie das auch so?
AS: Wir finden unseren Beitrag eigentlich eher zurückhaltend. Wir haben versucht, etwas zu schaffen, das genügend Präsenz hat und den Ort unterstützt, ohne ihn zu stark zu belasten.
JG: Es soll ein aktiver Erinnerungsort entstehen – ein Ort, wo Bewegung und Begegnung stattfinden. Massgeblich dafür sind das Medium Klang und die Idee des Forums. Wir wollten, dass Menschen zusammenkommen und partizipieren können. In einer Stadt hört man sehr spezifisch – es gibt Kirchenglocken und Verkehr, vieles blendet man aus. Glocken sind auch eine Klanginstallation, sie stehen für Regelmässigkeit, für etwas, das sich wiederholt und den Alltag taktet. Wir haben versucht, dieses Konzept zu verschieben – die Klangwand wiederholt keine Klangfolge ein zweites Mal, und es ist unberechenbar, wann sie erklingt. Das ist ein Gegenkonzept, es steht quer zu dem, wie man gewohnt ist zu hören – das kann man schon als offensiv bezeichnen.
IK: Man kann sich dem Klang nicht entziehen. Bei einem Monument kann man wegschauen, aber wenn man durch den Klang hindurchgeht, kann man die Ohren fast nicht zumachen – das gefiel uns. Zudem werden wir Orte auf der Terrasse schaffen, wo Begegnung im Hier und Jetzt stattfindet.

© ASA+SAGA
Was bedeutet es für Sie, Erinnerung sinnlich und atmosphärisch zu vermitteln?
AS: Das Gute an unserer Intervention, am Klang, ist, dass wirklich alle Menschen abgeholt werden. Wir wollten alle Menschen ansprechen und auch z. B. Blinde oder Gehörlose können die Installation wahrnehmen. Die Wand kann man hören, fühlen, man kann die Vibrationen spüren. Es war uns wichtig, dass der Erinnerungsort für Jung und Alt, für Menschen mit und ohne Einschränkungen wahrnehmbar ist.
IK: Wir wollten auch einen Platz schaffen, der für die Vermittlung an Kinder geeignet ist. Er sollte eine allgemeinverständliche Sprache sprechen – dieses Kunstwerk sollte unkompliziert sein und sprachungebunden, sodass man sich damit auseinandersetzen kann, ohne dass man es erklärt bekommen muss.
War es eine Herausforderung, Themen wie den Nationalsozialismus, dessen Opfer und die Rolle der Schweiz in eine so reduzierte, abstrakte Form wie Klang zu übersetzen?
IK: Die Klangfolgen sind den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Die Idee war, dass wir an die «Schweigeminute» anknüpfen und an Menschen erinnern wollen – nicht primär an sie als Opfer, sondern daran, dass es Individuen waren. Wir gedenken, ohne dass wir personalisieren, sondern dem einzelnen Leben und seiner Einzigartigkeit.
Die Klangwand soll dreimal pro Stunde eine einminütige Klangfolge abspielen. Wie kam es zu diesem Rhythmus, dieser Länge und der inhaltlichen Dimension der Klangfolgen?
JG: Uns war wichtig, dass es nicht nur um die klingenden Minuten geht, sondern auch um die Stille dazwischen. Wir wollten zudem gegen die Taktung ankommen, wie wir sie von Kirchenglocken kennen. Dreimal pro Stunde fühlte sich richtig an: Die Casinoterrasse ist kein Museum, sondern ein öffentlicher Raum mit Gastronomie und Anwohnerinnen und Anwohnern, die schlafen möchten – darauf nehmen wir Rücksicht. Wichtig war uns eine gewisse Unregelmässigkeit, ohne dass die Leute vier Stunden vor der Wand stehen und nichts passiert. Obwohl nie zweimal dasselbe passiert, sind die Minuten miteinander verbunden – wie eine Kette, wie wenn sich Menschen die Hand geben. Die Melodie hört auf und fängt quasi mit dem Schluss wieder an. In der Musik nennt man das «Crossfade». Die Pausen sind quasi die Umkehr der Schweigeminute – Stille, die aber wie ein Nachhall oder Vorecho wirkt. Die Installation läuft also eigentlich immer, weil die Pausen dazugehören.

© ASA+SAGA
Zum Erinnerungsort gehört neben der Klangwand auch ein rundes Forum mit Sitzbänken. Im Innenraum dieses Forums soll LED-Schrift erscheinen. Was genau wird dort stehen?
IK: Inspiriert von Max Frischs «Fragebogen», stellen wir Fragen zu den Menschenrechten. Diese sollen im Innern des Forums erscheinen. Es sind einfache Fragen, bei denen man aber wirklich in sich gehen muss.
RZ: Wenn man in diesem Kreis zusammensitzt, hat man ein Gegenüber, und es schwebt eine Frage über diesem Gegenüber. Ziel ist es, ein Gespräch über diese Fragen zu beginnen, vielleicht auch mit Menschen, die man gar nicht kennt. Gespräche sind die Basis der Demokratie. Das muss man heute unbedingt unterstützen.
Wir haben bisher über zwei Teile der Installation gesprochen, ein dritter ergänzt sie: elektronische Screens. Welchen Zugang ermöglichen diese, wie verhalten sie sich zur Klangwand und zum Forum?
AS: Die drei Teile stehen nicht einfach nebeneinander, sie gehören zusammen. Wir haben sie bewusst so gesetzt, dass die Installation subtil wahrgenommen, aber auch gesehen werden kann. Über das Material – wir haben Walzstahl gewählt, der sich farblich und materiell in den Kontext einfügt – ist alles eingefasst, sodass man sofort merkt: Das gehört zusammen, das ist Teil dieser Installation. Auch wenn man aus Richtung der Brücke oder Stadt als Passantin oder Passant vorbeikommt.
IK: Jede Klangfolge soll einem Leben gewidmet sein, und diese Lebensgeschichten wollten wir sichtbar machen. Eine Geschichte muss kontextualisiert werden, damit sie verständlich wird. Auf den Screens sollen Kurzbiografien erscheinen: Man soll Namen lesen, Geschichten hören, darüber, wer sich eingesetzt hat, wer den Spielraum genutzt hat, wer abgewiesen wurde. Man soll erinnern und sich mit der Komplexität der Geschichte in der NS-Zeit und mit der Rolle, die Schweizerinnen und Schweizer gespielt haben, auseinandersetzen. Es gibt auch eine Verbindung zum Netzwerk, zu einem Internetauftritt, wo diese Biografien vertieft dargestellt werden. Wir wollen, dass Geschichte fassbar wird, neben der sinnlichen auch auf einer intellektuellen Ebene.
Stichwort Netzwerk: Der Erinnerungsort in Bern steht im Rahmen des Memorial-Projekts in enger Verbindung mit dem geplanten «Vermittlungszentrum Flucht» in Diepoldsau (SG) und soll Teil eines grösseren Netzwerkes der Erinnerung in der Schweiz werden. Was bedeutet für Sie diese Einbettung?
IK: Wir haben es als grosse Chance begriffen, dass es dieses Netzwerk und den Trägerverein gibt, mit Leuten, die quasi in den Startlöchern stehen, um die Screens zu bespielen und die Vermittlung zwischen den verschiedenen Orten zu koordinieren. Für das Memorial ist es wichtig, dass es kuratiert wird, und dass es Leute gibt, die das langfristig übernehmen. Wir wissen noch nicht genau, was auf uns zukommt, aber wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.

© Rahel Zaugg
Sie haben auch den Vorschlag gemacht, Kassenzettel von benachbarten Restaurants, Parkgaragen, Cafés usw. in Bern mit einem Aufdruck zu versehen, der mit dem Memorial in Verbindung steht – etwa einer Frage zu den Menschenrechten. Das ist ungewöhnlich niederschwellig. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
RZ: Die Idee kam früh auf und hat sich dann mit den Fragen für das Forum verbunden. Diese Fragen finde ich für das Projekt essenziell – auch, dass sie nicht nur vor Ort gestellt, sondern weitergetragen werden. Ein Medium, das man im Alltag immer aus Versehen mitnimmt, sind eben Kassenzettel.
IK: Rahel Zaugg hat das sofort verstanden. Als wir vor Ort in Bern waren, hat sie angefangen, diese Zettel zu sammeln – ist zum Parkhaus gegangen und hat gesehen, dass überall solche Zettel existieren: Trambillette, Parkkarten, Quittungen vom Kaffee.
RZ: Es ist ein Transportmittel, das ohnehin existiert, auf das man sehr niederschwellig zurückgreifen kann, um diese Fragen hinauszutragen.
IK: Und man muss Leute involvieren, mitzumachen – die Betreiberin der Bar, die Verkehrsbetriebe und so weiter. Da müssen viele Gespräche geführt und Menschen mitgenommen werden. Das hat auch einen Multiplikationseffekt, an dem wir durchaus interessiert sind.
Man könnte natürlich einwenden, dass so ein alltägliches Format wie ein Kassenbon oder ein Parkticket die Ernsthaftigkeit des Themas untergräbt. Wie gehen Sie mit diesem Risiko um?
RZ: Ich finde nicht, dass eine Frage, die einem zufällig und plötzlich mit auf den Weg gegeben wird, dadurch weniger ernsthaft ist. Klar, man kann sich dem entziehen, den Zettel entsorgen, einfach nicht hinschauen – aber, um auf das Memorial zurückzukommen, das ist ja eine Rolle, die die Schweiz teilweise zur Zeit des Nationalsozialismus eingenommen hat. Es geht um den Moment, in dem man denkt: Warum steht das da? Da setzt das Hinterfragen an.
AS: Ich finde auch, dass es die Ernsthaftigkeit unterstreicht, wenn man sich nicht auf den Erinnerungsort beschränkt, sondern versucht, das Thema weiterzutragen. Es geht darum, dass es Spuren hinterlässt.
Sie haben es bereits angesprochen – viele Menschen kommen in ihrem Alltag an der Casinoterrasse vorbei. Was wünschen Sie sich, das Menschen empfinden, wenn sie künftig über die Casinoterrasse gehen und die Klangwand hören?
IK: Wir wünschen uns, dass sie einen Moment innehalten und verweilen, dass sie staunen, dass sie nachdenken. Wir fänden es sehr schön, wenn dort viele Begegnungen stattfinden und man sich dem Klang aussetzt, aber dann über die Gegenwart nachdenkt: Was hat das mit meinem Leben zu tun?
AS: Es kommen vielleicht auch Touristinnen und Touristen von überallher, das wäre schön. Aber es geht ebenfalls um die subjektiven Momente der Bernerinnen und Berner: Wenn man mit dem Fahrrad vorbeifährt oder bewusst eine Minute langsam daran vorbeigeht. Man nimmt etwas mit in den Tag oder in die nächste Diskussionsrunde.
Herzlichen Dank für das Interview.
Das Interview wurde am 2. September 2026 geführt.

