Vermittlungszentrum Flucht Diepoldsau

Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten in Deutschland mit der Verfolgung ihrer politischen Gegnerinnen und Gegner und der Jüdinnen und Juden. Im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) radikalisierten sie ihre Verfolgungsmassnahmen zur Vernichtungspolitik, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Zehntausende von Flüchtlingen suchten damals vor der Verfolgung oder vor dem Krieg in der Schweiz Schutz. Welche Politik die Schweiz gegenüber den Flüchtlingen einschlug und was zwischen 1933 und 1945 an den Landesgrenzen geschah, zeigt das transnationale Vermittlungszentrum Flucht. Es entsteht im Grenzraum zwischen Diepoldsau (CH) und Hohenems (A) und stellt die Ereignisse diesseits und jenseits der Grenze zu den Nachbarstaaten Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und Italien ins Zentrum.

Der Grenzübertritt: Entscheid über Leben und Tod

1938, mit dem «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich und der Reichspogromnacht, begannen die Nationalsozialisten mit der gewaltsamen Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich. 1939 nutzte das Regime den Kriegsbeginn, um Menschen mit Behinderung systematisch zu töten. Ab 1941 war es das Ziel, alle Jüdinnen und Juden im nationalsozialistischen Machtbereich zu ermorden. Dieser unbedingte Vernichtungswille traf weitere Menschen, die als minderwertig oder gefährlich definiert wurden. Der Grenzübertritt in die rettende Schweiz war für die Verfolgten ein Entscheid über Leben und Tod.

Die Regeln für die Aufnahme oder Rückweisung der Verfolgten wurde im politischen Zentrum der Schweiz, in der Hauptstadt Bern, bestimmt. Die Behörden entschieden sich nach dem «Anschluss» 1938, als es im Sommer zur ersten Massenflucht und einen Ansturm auf die Schweizer Grenze kam, für die Schliessung der Grenze. Sie bestraften Fluchthelferinnen und Fluchthelfer und forderten antisemitische Massnahmen wie das Stempeln der Reisepässe deutscher Jüdinnen und Juden mit einem «J». 1942, als sich die verfolgten Jüdinnen und Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager in die Schweiz zu retten versuchten, wurde die Grenzschliessung bestätigt.

Umsetzen mussten diese Politik, die bis 1944 im Grundsatz bestehen blieb, Grenzwächter, Polizeibeamte und Soldaten an der Landesgrenze, wo sich – manchmal vor den Augen der Zivilbevölkerung – dramatische Szenen abspielten. Wie und wo gelangten die Verfolgten trotz der Grenzschliessung in die Schweiz? Wie gingen die Schweizer Behörden und die Gesellschaft mit ihnen um? Was geschah mit jenen, die zurückgewiesen wurden? Wer half ihnen, wer verriet sie – und warum?

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Das Projekt

Das Geschehen an den verschiedenen Grenzabschnitten der Schweiz wird im Vermittlungszentrum Flucht historisch und geografisch verortet. Dabei werden die unterschiedlichen Perspektiven und Handlungsspielräume von Behörden, Flüchtlingen, Grenzpersonal und Zivilbevölkerung aufgezeigt. Erzählt werden Geschichten von Verfolgung und Flucht, von Abwehr und Hilfe aus allen Landesteilen der Schweiz. Neben dem St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger werden auch weniger bekannte Menschen mit Zivilcourage vorgestellt.

Das Vermittlungszentrum entsteht in Diepoldsau an der schweizerisch-österreichischen Grenze in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Hohenems. Den historischen Schauplätzen mit dem alten Zollgebäude in Diepoldsau und der Naturlandschaft am alten Rhein kommen dabei eine besondere Bedeutung zu.

Das Projekt wurde vom Kanton St. Gallen initiiert und in der ersten Phase finanziert. Seit Mitte 2025 liegt die Projektverantwortung beim Netzwerk Schweizer Memorial, das vom Bundesamt für Kultur gefördert wird.

Aktueller Stand (Mai 2026)

Als Teil des Projekts «Gemeinsam Erinnern im Rheintal 1938-1945» hat das Jüdische Museum Hohenems die Ausstellung «Rettende Schweiz? Flucht im Rheintal» erarbeitet. Sie ist bis Januar 2027 im Museum Prestegg in Altstätten zu sehen. Wissen und Erfahrungen aus dieser Ausstellung fliessen in das künftige Konzept für das Vermittlungszentrum in Diepoldsau ein.

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